Schafe, Herde, Hirte – und warum es nicht um blinden Gehorsam geht
ENGELSGEDANKEN
Schafe, Herde, Hirte – und warum es nicht um blinden Gehorsam geht
Von Michaya Angel · 21. März 2023 · ca. 10 Min. Lesezeit
Alte Bilder neu lesen.
Blindem Gehorsam widersprechen.
Vertrauen anders verstehen.

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Darum geht es in diesem Text
- Schafe
- Hirte
- Jesus
- Vertrauen
- Verletzlichkeit
- Gemeinschaft
- Aufmerksamkeit
- Lernen
- Entscheidungen
- religiöser Gehorsam
- Freiheit
„Sie laufen ihrem Führer hinterher wie dumme Schafe.“ Diesen Satz kennen wahrscheinlich viele
und lange Zeit habe ich ähnlich gedacht. Gerade bei religiösen Menschen hatte ich oft das Gefühl,
dass sie jemandem folgen, ohne genug zu hinterfragen. Aber ehrlich gesagt betrifft das nicht nur Religion.
Auch Menschen, die sich für völlig unabhängig halten, können Ideologien, Gruppen oder Personen folgen,
die genau das vertreten, was sie ohnehin hören möchten.
Als ich angefangen habe, mich intensiver mit Gott und der Bibel auseinanderzusetzen, bin ich deshalb über ein Bild gestolpert, das mich zunächst überhaupt nicht begeistert hat:
Menschen werden immer wieder mit Schafen verglichen.
Warum ausgerechnet Schafe?
Warum kein stolzer Adler?
Oder ein einsamer Wolf?
Warum kein Tier, das für Unabhängigkeit und Stärke steht?
Will Gott wirklich Menschen, die still hinterherlaufen und nicht selbst denken?
Je genauer ich mir Schafe angesehen habe, desto mehr musste ich feststellen:
Ihr Ruf ist schlechter als ihre tatsächlichen Fähigkeiten.
Und vielleicht steckt genau darin viel mehr Symbolik, als es zunächst scheint.
Sind Schafe wirklich dumm?
Das Klischee ist hartnäckig. Schafe gelten als:
ängstlich,
abhängig,
willenlos
und leicht zu führen.
Aber dieses Bild ist erstaunlich oberflächlich. Schafe sind soziale Tiere.
Sie können lernen.
Sie können sich an gelernte Entscheidungen und Erfahrungen erinnern.
Sie unterscheiden Situationen.
Sie reagieren auf Veränderungen.
Und sie besitzen deutlich mehr Lern- und Erinnerungsvermögen, als man ihnen oft zutraut.
Vielleicht beginnt das biblische Bild deshalb schon mit einer kleinen Überraschung:
Ein Schaf ist nicht automatisch ein Symbol für Dummheit.
Das moderne Klischee
Schaf = gedankenlos
Herde = angepasst
Hirte = Autorität
Gehorsam = Unterwerfung
Doch das biblische Bild muss nicht so gelesen werden.
Ich denke, es geht weniger um blinden Gehorsam – und viel mehr um Vertrauen, Aufmerksamkeit, Gemeinschaft und Orientierung.
1. Schafe sind widerstandsfähig
Auf den ersten Blick wirken Schafe weich und verletzlich.
Doch viele Schafrassen können in Landschaften leben, die alles andere als bequem sind.
Steinige Böden.
Hügel.
Wind.
Temperaturschwankungen.
Karge Weideflächen.
Natürlich unterscheiden sich Rassen und Haltungsbedingungen. Aber grundsätzlich sind Schafe
keineswegs so zerbrechlich, wie ihr Aussehen vermuten lässt. Und genau darin gefällt mir das Bild.
Sanftheit und Widerstandskraft schließen sich nicht aus.
Ein Mensch muss nicht hart werden, um stark zu sein. Vielleicht besteht Stärke manchmal gerade darin,
weich zu bleiben und trotzdem weiterzugehen.
2. Schafe sind fügsam – aber nicht blind
Das Wort „fügsam“ klingt schnell negativ. Nach Unterordnung und nach fehlendem eigenen Willen.
Doch ruhig oder kooperativ zu sein bedeutet nicht automatisch, keine Wahrnehmung oder keinen eigenen Willen zu besitzen.
Schafe beobachten ihre Umgebung sehr genau. Sie reagieren sensibel auf Veränderungen und potenzielle Gefahren.
Und auch beim Führen gilt:
Sie folgen nicht in jeder Situation völlig bedenkenlos.
Das erinnert mich an etwas, das in religiösen Zusammenhängen schnell verloren geht:
Vertrauen bedeutet nicht, den Verstand auszuschalten.
Man darf zuhören.
Man darf lernen.
Man darf sich führen lassen.
Aber man darf trotzdem prüfen.
Fragen stellen.
Beobachten.
Und gegebenenfalls Nein sagen.
Ein guter Hirte braucht keine willenlose Herde.
3. Schafe sind gesellig
Schafe leben nicht zufällig in Herden. Sie sind soziale Tiere und bauen Beziehungen untereinander auf.
Auch innerhalb größerer Herden bilden sich kleinere soziale Gruppen. Nähe spielt eine wichtige Rolle.
Das finde ich als Bild für Menschen sehr passend. Wir sind ebenfalls keine Wesen, die völlig unabhängig voneinander existieren.
Wir brauchen Beziehung.
Freundschaft.
Gemeinschaft.
Menschen, denen wir vertrauen können.
Das bedeutet allerdings nicht, dass wir in einer Gruppe unsere Individualität verlieren müssen.
Gemeinschaft ist nicht dasselbe wie Gleichschaltung.
Eine gesunde Herde bedeutet nicht, dass jedes Tier identisch ist – und eine gesunde menschliche Gemeinschaft
sollte genauso wenig verlangen, dass alle gleich denken.
Gemeinschaft ohne Gleichschaltung
Wir brauchen andere Menschen.
Aber wir müssen uns dabei nicht selbst verlieren.
Zugehörigkeit darf Sicherheit geben – nicht den eigenen Verstand ersetzen.
4. Schafe können lernen, was ihnen guttut
Dieser Punkt ist besonders faszinierend. In Experimenten wurde untersucht, ob Schafe lernen können, bestimmte Stoffe
mit einer Besserung körperlichen Unwohlseins zu verbinden.
Dabei zeigte sich:
Schafe können solche Zusammenhänge lernen und später gezielt bestimmte Stoffe auswählen,
die zuvor mit einer Besserung verbunden waren. Das bedeutet nicht, dass Schafe kleine Apotheker sind,
die Krankheiten diagnostizieren. Aber es zeigt:
Sie können Erfahrungen mit körperlichen Folgen verknüpfen und daraus lernen.
Auch das passt für mich erstaunlich gut zum menschlichen Leben.
Wir lernen nicht nur durch Regeln, sondern auch durch Erfahrungen.
Wir merken:
Was tut mir gut?
Was schadet mir?
Welche Umgebung macht mich klein?
Welche Menschen geben mir Sicherheit?
Und manchmal verändert genau dieses Lernen später unsere Entscheidungen.
5. Schafe können Entscheidungen treffen – und Fehler korrigieren
Eine bekannte Studie der Universität Cambridge untersuchte, wie gut Schafe unterschiedliche Formen
und Farben unterscheiden können. Die Tiere lernten, welche Wahl zu einer Belohnung führte.
Später wurden die Regeln verändert und die Schafe konnten ihre bisherige Strategie anpassen.
Noch bemerkenswerter:
Sie konnten sich auch Wochen später an gelernte Entscheidungen erinnern. Das passt überhaupt nicht zum Bild eines Wesens,
das nur stumpf hinterherläuft.
Schafe können lernen.
Sie können Erinnerungen bilden.
Und sie können ihre Entscheidungen korrigieren.
Vielleicht ist genau das eine Fähigkeit, die wir selbst häufiger brauchen.
Nicht jede einmal getroffene Entscheidung muss für immer richtig bleiben.
Wir dürfen dazulernen.
Wir dürfen unsere Meinung ändern.
Wir dürfen irgendwann sagen:
Damals dachte ich anders. Heute sehe ich mehr.
Das ist keine Schwäche. Das ist Entwicklung.
6. Schafe sind empfindsame Lebewesen
Schafe reagieren deutlich auf Stress und unterschiedliche emotionale Situationen.
In Untersuchungen wurden unter anderem Herzfrequenz, Atmung und andere körperliche Reaktionen gemessen.
Dabei zeigten sich Unterschiede zwischen Situationen, die vermutlich als angenehm oder unangenehm erlebt wurden.
Mit anderen Worten:
Schafe sind keine gefühllosen Wesen, die lediglich funktionieren.
Sie reagieren.
Sie empfinden Stress.
Sie suchen Sicherheit.
Und sie können auf positive Situationen anders reagieren als auf negative.
Vielleicht ist gerade diese Empfindsamkeit ein schöner Teil des Bildes.
Denn auch Menschen sind verletzlich.
Wir reagieren auf Worte.
Auf Ablehnung.
Auf Nähe.
Auf Angst.
Auf Sicherheit.
Empfindsamkeit ist kein Charakterfehler.
Sie bedeutet lediglich, dass etwas in uns auf unsere Umgebung reagiert.
7. Schafe bauen starke Bindungen auf
Schon zwischen Lämmern und ihren Muttertieren entstehen enge Bindungen.
Lämmer orientieren sich an vertrauten Stimmen und Gerüchen und suchen die Nähe ihrer Mutter.
Mit zunehmendem Alter werden sie selbstständiger. Aber Bindung verschwindet deshalb nicht einfach.
Auch darin erkenne ich etwas sehr Menschliches.
Wir wachsen.
Wir lösen uns.
Wir werden unabhängiger.
Aber das Bedürfnis nach vertrauter Nähe verschwindet nicht zwangsläufig.
Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Abhängigkeit und Bindung.
Abhängigkeit nimmt Freiheit. Bindung kann Sicherheit geben, während Freiheit bestehen bleibt.
Vertrauen bedeutet nicht, jede Stimme zu akzeptieren.
Es bedeutet, unterscheiden zu lernen, welcher Stimme du folgen möchtest.
Was bedeutet dann das Bild vom Hirten?
Wenn Menschen als Schafe bezeichnet werden, bleibt noch die zweite Hälfte des Bildes:
der Hirte.
Heute denken wir bei einem Hirten vielleicht zuerst an jemanden, der einer Herde sagt, wohin sie laufen soll.
Doch die Aufgabe eines Hirten war deutlich umfassender. Er musste:
Wasser finden.
Weideplätze kennen.
Gefahren früh erkennen.
Verletzte Tiere versorgen.
Verlorene Tiere suchen.
Und die Herde durch Gelände führen, das die Tiere selbst nicht vollständig überblicken konnten.
Deshalb steht ein Hirte im biblischen Bild nicht zuerst für Macht, sondern für:
Verantwortung.
Jesus und die Stimme des Hirten
In Johannes 10 benutzt Jesus genau dieses Bild. Dabei finde ich einen Punkt besonders interessant:
Die Schafe folgen nicht einfach jeder Stimme. Sie kennen die Stimme des Hirten.
Einem Fremden folgen sie nicht selbstverständlich. Damit bekommt das Bild
plötzlich eine völlig andere Richtung.
Vielleicht lautet die Botschaft nicht:
„Folge gehorsam jedem, der behauptet, geistliche Autorität zu besitzen.“
Vielleicht lautet sie:
Lerne zu unterscheiden.
Welche Stimme kennst du?
Welche Stimme schenkt dir Sicherheit?
Welche Stimme manipuliert dich?
Welche Stimme macht dich kleiner?
Und welcher Stimme möchtest du nicht folgen?
Nicht jede religiöse Stimme ist die Stimme des Hirten
Ein Mensch spricht nicht automatisch für Gott, nur weil er:
predigt,
eine Gemeinde leitet,
sich nach außen hin fromm verkauft,
Bibelverse zitiert
oder religiöse Autorität beansprucht.
Auch Vertrauen braucht Unterscheidungsvermögen.
Wenn Menschen sich selbst zum Hirten machen
Gerade religiöse Gemeinschaften können das Bild von Hirte und Schaf missbrauchen.
Dann wird aus Führung Kontrolle.
Aus Vertrauen Gehorsam.
Aus Gemeinschaft Gruppenzwang.
Und aus einem Hirten plötzlich jemand, der erwartet, dass niemand seine Entscheidungen hinterfragt.
Doch genau darin wird das Bild auf den Kopf gestellt. Ein Hirte trägt Verantwortung für die Herde.
Die Herde existiert nicht für seine Macht.
Ein Hirte, der die Schafe für seine eigenen Interessen benutzt, hat das Bild bereits ins Gegenteil verkehrt.
Das gilt auch außerhalb religiöser Räume. Führung zeigt sich nicht darin, wie viele Menschen einem folgen,
sondern darin, wie verantwortungsvoll man mit ihrem Vertrauen umgeht.
Was das Bild vom Schaf über uns erzählt
Vielleicht nicht, dass wir dumm sind.
Vielleicht nicht, dass wir willenlos sein sollen.
Und ganz sicher nicht, dass wir unseren Verstand an der Kirchentür abgeben sollen.
Vielleicht beschreibt das Schaf etwas sehr Menschliches.
Wir sind sozial.
Wir lernen.
Wir können uns irren.
Wir können Entscheidungen korrigieren.
Wir reagieren empfindlich auf unsere Umgebung.
Wir brauchen manchmal Orientierung.
Und wir brauchen Beziehungen, ohne deshalb unsere Freiheit verlieren zu müssen.
Das alles macht ein Schaf plötzlich zu einem wesentlich interessanteren Bild.
Mein Fazit
Früher empfand ich den Vergleich mit einem Schaf eher als Beleidigung.
Heute sehe ich ihn anders. Nicht weil ich glaube, dass Menschen willenlos folgen sollten,
sondern gerade weil Schafe viel komplexer sind als ihr Ruf.
Sie sind widerstandsfähig.
Aufmerksam.
Sozial.
Lernfähig.
Empfindsam.
Und sie können Erfahrungen nutzen, um neue Entscheidungen zu treffen.
Vielleicht steckt darin eine ziemlich schöne Vorstellung von Glauben.
Nicht:
Denken einstellen und folgen.
Sondern:
Vertrauen lernen, ohne das eigene Denken aufzugeben.
Gemeinschaft finden, ohne sich selbst zu verlieren.
Führung annehmen, ohne jede Autorität für unfehlbar zu halten.
Und aufmerksam genug bleiben, um zu unterscheiden, welche Stimme wirklich gut für uns ist.
Vielleicht ist das Schaf deshalb gar kein Bild für Schwäche.
Vielleicht ist es ein Bild für etwas viel Menschlicheres:
Verletzlich sein. Lernen. Vertrauen. Und trotzdem den eigenen Weg bewusst gehen.
Quellen: deinetiere.com, peta.de