Schafe und Böcke in Matthäus 25 – Ein Beweis für die Hölle oder anders zu verstehen?

ENGELSGEDANKEN · HIMMEL & HÖLLE – BIBLISCH HINTERFRAGT

Schafe und Böcke in Matthäus 25 – Ein Beweis für die Hölle oder anders zu verstehen?

Von Michaya Angel · 18. April 2025 · ca. 8 Min. Lesezeit


Tiefer graben.
Weiter sehen.
Dem Licht näher kommen.


Es gibt Bibelstellen, die bleiben hängen.

Nicht, weil sie schön sind.
Sondern weil sie Angst machen.

Matthäus 25,31–33 war für mich lange so eine Stelle. Die Trennung von Schafen und Böcken, Gericht, Strafe – all das klang für mich nach einer endgültigen Entscheidung: gerettet oder verloren. Himmel oder Hölle.
Und wenn man mit genau diesem Bild aufgewachsen ist, dann liest man diese Verse auch irgendwann durch genau diese Brille.
Ich habe mich jahrelang davor gefürchtet.
Erst viel später begann ich, den Abschnitt nicht mehr isoliert zu lesen, sondern mir anzusehen, worüber Jesus eigentlich spricht, welche Fragen seine Jünger stellen und wie unterschiedliche Übersetzungen mit Begriffen wie „Äon“ und „Ende der Welt“ umgehen.

Dabei ist mir etwas aufgefallen:

Vielleicht sagt dieser Text gar nicht das, was ich so lange in ihm gesehen habe.


Was bedeutet die Einteilung in Schafe und Böcke?

Auf den ersten Blick wirkt das eindeutig:
Jesus sitzt auf einem Thron. Menschen werden voneinander getrennt. Die einen stehen rechts, die anderen links.

Kein Wunder also, dass dieser Abschnitt oft als Bild für das letzte Gericht verstanden wird.
Aber genau hier lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Denn der Text spricht nicht zuerst von einzelnen Menschen, sondern von Nationen.
Außerdem steht er nicht irgendwo isoliert, sondern mitten in der sogenannten Endzeitrede von Jesus.



Der Kontext verändert das Bild

Die Rede beginnt nicht mit einer Frage nach Himmel und Hölle. Sie beginnt mit dem Tempel.
Jesus kündigt an, dass kein Stein auf dem anderen bleiben wird. Seine Jünger fragen ihn daraufhin, wann das geschehen wird, was das Zeichen seiner Anwesenheit sein wird und wann der „Abschluss des Äons“ kommt.
In manchen Übersetzungen steht stattdessen „Ende der Welt“. Und genau das macht einen gewaltigen Unterschied.
Das griechische Wort aiōn bezeichnet ein Zeitalter oder eine Weltzeit. Es geht also nicht zwangsläufig um das absolute Ende von allem.
Für mich war das ein wichtiger Wendepunkt. Denn wenn Jesus über das Ende eines Zeitalters spricht, dann verändert sich auch die Frage, wie wir das Gericht in Matthäus 25 verstehen müssen. Plötzlich steht nicht mehr automatisch die endgültige Bestimmung jeder einzelnen Seele im Mittelpunkt. Sondern der Übergang von einer Zeit in eine andere.

Zwei Throne – Zwei Gerichte

Herrlichkeitsthron (Mt 25)

  • Gericht über Nationen
  • am Ende des gegenwärtigen Äons
  • Schafe und Böcke als Bild für zwei Gruppen
  • entscheidend ist der Umgang mit den „Brüdern des Herrn“
  • daraus folgen Konsequenzen für die Nationen

Großer weißer Thron (Offb 20)

  • ein späteres Gericht
  • einzelne Menschen werden gerichtet
  • nach dem messianischen Reich
  • die Werke der Menschen stehen im Mittelpunkt
  • der Feuersee wird als zweiter Tod bezeichnet

Vielleicht sprechen wir hier gar nicht über dasselbe Gericht. Und wenn das stimmt, fällt ein großer Teil der Vorstellung weg, Matthäus 25 müsse zwingend ein endgültiges Höllengericht beschreiben.


Und was bedeutet dann die Strafe?

Am Ende heißt es:

Auch hier steckt vieles bereits in der Übersetzung.
Das Wort aiōnios hängt mit aiōn zusammen – also mit einem Zeitalter. Ob es hier zwingend „ewig“ im Sinn von „endlos“ bedeutet, ist deshalb nicht so eindeutig, wie es oft dargestellt wird.

Auch das Wort kolasis wird unterschiedlich verstanden und kann je nach Zusammenhang Strafe, Züchtigung oder korrigierende Strafe bezeichnen.
Für mich bedeutet das nicht, dass der Text harmlos ist.
Gericht bleibt Gericht.
Konsequenzen bleiben Konsequenzen.
Aber Konsequenz ist nicht automatisch dasselbe wie endlose Qual. Und genau dieser Unterschied ist wichtig.


Wer wird eigentlich gerichtet?

Noch etwas fällt auf:

Jesus sagt:

„Alle Nationen werden vor ihm versammelt werden.“

Nicht: Jeder einzelne Mensch wird nach seinem persönlichen Glaubensbekenntnis sortiert.
Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, wie die Nationen mit den „geringsten Brüdern“ umgegangen sind.
Wie sie gehandelt haben.
Wie sie mit Menschen umgegangen sind.
Welche Entscheidungen sie getroffen haben.
Das klingt für mich sehr viel stärker nach Verantwortung als nach einem religiösen Auswahlverfahren.

Das unvergängliche Leben kommt im biblischen Gesamtbild erst später vollständig in den Blick (vgl. 1 Kor 15,22–24; 2 Tim 1,10). Wie lange das messianische Zeitalter dauert, ist nicht der Schwerpunkt dieser Aussage.
Jesu Endzeitrede richtet den Blick zunächst auf den Übergang von der gegenwärtigen Zeit in das kommende messianische Reich. Wenn wir den Abschnitt in diesem Zusammenhang lesen, verändert sich das Bild: Gericht bleibt ernst, aber es muss nicht das letzte Wort sein.

Und genau darin liegt für mich Hoffnung: Dunkelheit und Konsequenzen sind nicht automatisch das Ende der Geschichte.

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