Die Hölle – ein biblischer Ort oder ein späteres Sammelbild?
ENGELSGEDANKEN · HIMMEL & HÖLLE – BIBLISCH HINTERFRAGT
Die Hölle – ein biblischer Ort oder ein späteres Sammelbild?
Von Michaya Angel · 30. Juli 2023 · ca. 8 Min. Lesezeit
Alte Begriffe entwirren.
Gericht neu lesen.
Dogmen hinterfragen.

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Worum geht es in diesem Beitrag?
Ich erkläre in Kurzform:
- Scheol
- Hades
- Gehenna
- Tartaros
- Feuersee
- Tod
- Gericht
- Übersetzung
- Höllenlehre
- biblische Bildsprache
Kaum ein Wort ist im Christentum so aufgeladen wie Hölle.
Feuer. Qual. Verdammnis. Ewige Trennung von Gott.
Für viele scheint selbstverständlich zu sein, dass die Bibel genau diesen einen Ort beschreibt.
Doch wenn man in die hebräischen und griechischen Texte schaut, wird es komplizierter.
Denn dort begegnet uns nicht der eine Begriff „Hölle“.
Stattdessen finden wir mehrere verschiedene Wörter und Bilder,
die in Übersetzungen teilweise unter demselben deutschen Begriff zusammengeführt wurden:
Scheol. Hades. Gehenna. Tartaros. Feuersee.
Und sie bedeuten nicht dasselbe.
Ein Wort – viele völlig verschiedene Vorstellungen
Wenn wir heute „Hölle“ hören, denken wir meist an einen Ort ewiger Qual nach dem Tod.
Doch genau dieses fertige Bild sollte man nicht einfach rückwirkend über sämtliche Bibelstellen legen.
Denn die Texte sprechen von unterschiedlichen Orten, Zuständen und Gerichtsbildern.
Wer sie alle mit demselben Wort übersetzt, lässt Unterschiede verschwinden.
Und plötzlich entsteht etwas, das im Ursprungstext viel weniger eindeutig ist:
eine einzige große Hölle.
Was oft mit „Hölle“ übersetzt wird
Scheol – Totenreich im Alten Testament
Hades – griechischer Begriff für das Totenreich
Gehenna – das Tal Hinnom bei Jerusalem und prophetisches Gerichtsbild
Tartaros – Gefangenschaft gefallener Engel in 2. Petrus 2,4
Feuersee – Gerichtssymbol in der Offenbarung
Diese Begriffe sind nicht einfach austauschbar.
Scheol – das Reich der Toten
Das hebräische Scheol erscheint vielfach im Alten Testament.
Es bezeichnet die Welt der Toten beziehungsweise den Bereich des Todes.
Dabei ist bemerkenswert:
Nicht nur böse Menschen kommen dorthin.
Auch Gerechte rechnen damit, in den Scheol hinabzugehen.
Die Scheol funktioniert deshalb nicht wie die spätere Vorstellung einer Hölle,
in die ausschließlich „Verdammte“ geschickt werden.
Es ist zunächst ein Bild für Tod, Dunkelheit und das Ende des irdischen Lebens.
Eine moralische Zweiteilung in Himmel für die Guten und Hölle für die Bösen lässt sich daraus nicht einfach ableiten.
Hades – das griechische Totenreich
Im griechischen Neuen Testament begegnet uns Hades.
Auch dieser Begriff bezeichnet grundsätzlich den Bereich der Toten.
Damit besteht eine deutliche Nähe zum alttestamentlichen Scheol.
In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments wurde Scheol häufig mit Hades wiedergegeben.
Das ist wichtig. Denn wenn eine deutsche Bibel an einer Stelle „Hölle“ schreibt, kann im Hintergrund
eigentlich ein Begriff stehen, der zunächst schlicht mit dem Totenreich verbunden ist.
Aus einem Bereich der Toten wird dann in unseren Köpfen schnell ein Ort ewiger Folter.
Doch das ist bereits Interpretation. Nicht bloß Übersetzung.
Ein übersetztes Wort kann vertraut klingen
und trotzdem eine ganz andere Welt im Hintergrund tragen.
Gehenna – ein reales Tal vor Jerusalem
Besonders interessant wird es bei Gehenna.
Das griechische Wort geht auf Ge-Hinnom, das Tal Hinnom südlich beziehungsweise südwestlich Jerusalems, zurück.
Dieser Ort war im Alten Testament mit dunklen Erinnerungen verbunden. Dort wurden in früherer Zeit Kinderopfer vollzogen.
Propheten wie Jeremia verurteilten diese Praktiken scharf und verbanden das Tal mit Gericht.
Dadurch wurde Ge-Hinnom zu einem mächtigen Bild:
für Gericht, Tod und Verwerfung.
Wenn Jesus von Gehenna spricht, verwendet er also kein bedeutungsloses Fantasiewort.
Seine Zuhörer kannten diesen Ort.
Sie kannten seine Geschichte.
Sie kannten die prophetischen Bilder.
Darum sollte man zunächst diese jüdische Bildwelt verstehen, bevor aus Gehenna automatisch eine jenseitige Folterkammer für unsterbliche Seelen gemacht wird.
Tartaros – und warum er nichts mit verstorbenen Menschen zu tun hat
Ein weiterer Begriff taucht nur an einer einzigen Stelle des Neuen Testaments auf.
In 2. Petrus 2,4 wird beschrieben, dass sündigende Engel in einen finsteren Bereich gebracht
und für das Gericht aufbewahrt werden. Das zugrunde liegende griechische Verb hängt mit Tartaros zusammen.
Entscheidend ist:
Hier geht es um Engel.
Nicht um verstorbene Menschen.
Nicht um Menschen, die Jesus nicht angenommen haben.
Nicht um eine allgemeine Hölle für Ungläubige.
Tartaros deshalb einfach mit der gewöhnlichen christlichen Hölle gleichzusetzen, geht über den Text hinaus.
Und dann ist da noch der Feuersee
Der Feuersee ist noch einmal etwas anderes. Er erscheint erst in der Offenbarung.
Dort werden unter anderem hineingeworfen:
- das Tier,
- der falsche Prophet,
- der Widersacher,
- der Tod,
- das Totenreich,
- und schließlich diejenigen, deren Namen nicht im Buch des Lebens gefunden werden.
Der Feuersee wird als „zweiter Tod“ bezeichnet.
Schon das unterscheidet ihn von der klassischen Vorstellung einer Hölle,
in der Menschen als unsterbliche Seelen endlos weiterleben und gequält werden.
Denn die Offenbarung nennt ihn:
Tod.
Nicht „ewiges Leben unter schlechten Bedingungen“.
Eine merkwürdige Szene
Besonders auffällig ist:
Auch der Tod und der Hades werden in den Feuersee geworfen.
Ein abstrakter Zustand wie der Tod kann nicht buchstäblich verbrennen.
Ein Totenreich ebenfalls nicht wie ein körperliches Wesen.
Wir befinden uns also offensichtlich in einer stark symbolischen Bildsprache.
Und genau deshalb sollte man vorsichtig sein, einzelne Elemente plötzlich völlig wörtlich zu lesen.
Der Feuersee ist nicht Tartaros
Diese beiden Bilder sollte man nicht vermischen.
Tartaros:
Gefangenschaft sündigender Engel vor dem Gericht.
Feuersee:
ein Bild der Offenbarung, das mit Gericht und dem „zweiten Tod“ verbunden wird.
Die Bibel kennt nicht einfach einen einzigen Ort namens Hölle.
Wer steht im Buch des Lebens?
Offenbarung 20 spricht von Menschen, deren Namen nicht im Buch des Lebens gefunden werden.
Doch auch hier sollte man vorsichtig werden, sobald Menschen anfangen, fertige Listen aufzustellen.
Der Text sagt an dieser Stelle nicht:
„Alle Nichtchristen stehen nicht darin.“
Er sagt nicht:
„Wer die falsche Religion hat, steht nicht darin.“
Und er liefert dort auch keine einfache Formel, mit der wir von außen bestimmen könnten, welche konkrete Person dazugehört und welche nicht.
Die Vorstellung, man könne anhand einer religiösen Zugehörigkeit sicher feststellen, wer im Feuersee endet, geht deshalb weiter als der Text.
Warum das Wort „Hölle“ so problematisch sein kann
Das eigentliche Problem ist nicht, dass das deutsche Wort „Hölle“ grundsätzlich verboten wäre.
Das Problem entsteht, wenn dieses eine Wort mehrere sehr unterschiedliche biblische Begriffe verschluckt.
Dann wird aus:
Scheol,
Hades,
Gehenna,
Tartaros
und dem Feuersee
ein einziger Ort.
Und anschließend liest man die Eigenschaften dieses später entstandenen Gesamtbildes wieder in jede einzelne Bibelstelle hinein.
So entsteht ein Kreislauf:
Die Übersetzung erzeugt ein Bild und dieses Bild bestimmt anschließend, wie wir die Übersetzung verstehen.
Vielleicht sollten wir die einzelnen Bilder wieder auseinandernehmen
Was passiert, wenn wir das tun? Dann entdecken wir:
Scheol spricht vom Tod.
Hades vom Totenreich.
Gehenna trägt die Geschichte eines realen Tales und prophetischer Gerichtssprache.
Tartaros betrifft gefallene Engel.
Der Feuersee gehört zur symbolreichen Vision der Offenbarung.
Natürlich sprechen diese Texte von Tod und Gericht. Man sollte ihre Härte nicht wegreden.
Aber etwas anderes ist ebenso wichtig:
Gericht ist nicht automatisch dasselbe wie die spätere Lehre einer ewigen Hölle.
Was der Text nicht automatisch hergibt
Aus diesen Begriffen lässt sich nicht ohne weitere Voraussetzungen ableiten:
Jeder Mensch, der nicht an Jesus glaubt, wird nach seinem Tod als unsterbliche Seele für alle Ewigkeit in einem brennenden Ort gequält.
Für eine so weitreichende Lehre müsste der Text sehr deutlich sein. Stattdessen begegnen uns unterschiedliche Begriffe,
verschiedene Zusammenhänge und eine Fülle prophetischer Bilder. Das sollte zumindest neugierig machen.
Vielleicht auch ein wenig misstrauisch gegenüber allzu einfachen Antworten.
Und was ist Gottes eigentliches Ziel?
Wenn wir über Gericht, Tod und Hölle sprechen, darf eine andere Linie der Bibel nicht untergehen:
Versöhnung.
Paulus schreibt, dass Gott uns durch Christus mit sich versöhnt hat und den Dienst der Versöhnung gegeben hat. In anderen Stellen wird diese Perspektive noch weiter gefasst: Gottes Handeln zielt nicht auf ewige Trennung, sondern auf Wiederherstellung und Aussöhnung.
Darum stellt sich die Frage:
Kann ewige Verdammnis wirklich das letzte Ziel Gottes sein, wenn Versöhnung im Zentrum seines Handelns steht?
Gericht und Versöhnung müssen sich dabei nicht widersprechen. Gericht kann aufdecken, trennen, korrigieren und beenden, was zerstörerisch ist.
Aber das Ziel muss deshalb nicht Vernichtung sein. Es kann Heilung sein.
Und genau hier bekommt die ganze Diskussion über Scheol, Gehenna, Hades und Feuersee eine andere Richtung:
Dann stellt sich nicht nur die Frage: ‚Wovor rettet Gott?‘, sondern auch: ‚Wohin führt Gott seine Schöpfung?‘
Mein Fazit

Je genauer ich die einzelnen Begriffe betrachte, desto weniger überzeugt mich die Vorstellung einer einheitlichen biblischen „Hölle“, in die man Scheol, Hades, Gehenna, Tartaros und Feuersee gleichermaßen hineinwerfen kann.
Die Bibel spricht über Gericht.
Sie spricht über Tod.
Sie kennt düstere und erschreckende Bilder.
Aber sie verwendet dafür unterschiedliche Begriffe in unterschiedlichen Zusammenhängen.
Und genau diese Unterschiede möchte ich ernst nehmen. Denn manchmal verändert sich ein Text schon dadurch völlig, dass man ihm erlaubt, wieder seine eigenen Worte zu benutzen.
Vielleicht müssen wir die Bibel gar nicht weniger ernst nehmen.
Vielleicht müssen wir sie nur genauer lesen.
Nicht jedes Feuer ist die Hölle.
Nicht jedes Gericht ist ewige Verdammnis.