Hat unser Leiden einen Grund?
ENGELSGEDANKEN · TOXISCHEN GLAUBEN ERKENNEN
Hat unser Leiden einen Grund?
Von Michaya Angel · 16. Dezember 2023 · ca. 10 Min. Lesezeit
Schuld nicht überall suchen.
Leid nicht schönreden.
Der Hoffnung Raum geben.

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Darum geht es in diesem Text:
- Leid
- Hiob
- Schuld
- Karma
- Gottesbild
- ungerechtes Leiden
- Selbstverantwortung
- Trost
- Hoffnung
Wie viele Menschen habe auch ich mich oft gefragt:
Warum müssen wir so viel Leid ertragen?
Hat alles, was uns geschieht, einen tieferen Sinn?
Ist Schmerz immer eine Lektion?
Und könnte man Leid vielleicht vermeiden, wenn man nur „richtig“ leben würde?
Auf diese Fragen habe ich im Laufe der Zeit die unterschiedlichsten Antworten gehört.
Manche spirituellen Menschen sagen:
Es ist dein Karma.
Andere behaupten, unsere Seele habe sich bestimmte Erfahrungen bereits
vor unserer Geburt ausgesucht, um daran zu wachsen.
Und in manchen christlichen Kreisen hört man:
Du hast gesündigt. Deshalb geschieht dir das.
Oder:
Gott lässt das zu, weil du etwas lernen sollst.
Am Ende läuft vieles auf dieselbe Botschaft hinaus:
Wenn du leidest, muss es irgendwie an dir liegen.
Und genau damit habe ich ein Problem. Denn manchmal ist es nicht nur falsch, sondern grausam, einem Menschen zu erklären,
er habe sein Leid selbst verursacht, obwohl niemand seine Geschichte wirklich kennt.
Muss Leid immer einen Grund haben?
Die Bibel erzählt von einem Mann, an dem diese Frage besonders deutlich wird:
Hiob.
Hiob wird als rechtschaffen und gottesfürchtig beschrieben.
Und trotzdem verliert er beinahe alles.
Seine Familie.
Seinen Besitz.
Seine Gesundheit.
Seine Sicherheit.
Wenn Leid tatsächlich immer die direkte Folge persönlichen Versagens wäre, müsste Hiobs Geschichte anders aussehen.
Tut sie aber nicht.
In Hiob 2,3 heißt es:
„… und noch hält er fest an seiner Rechtschaffenheit. Und dabei hattest du mich gegen ihn aufgereizt, ihn ohne Grund zu verschlingen.“
ohne Grund.
Zumindest in Bezug auf Hiobs Schuld gibt der Text eine klare Antwort:
Er leidet nicht, weil er moralisch versagt hat.
Er leidet nicht, weil er „zu wenig geglaubt“ hat.
Er leidet nicht, weil er Gottes Zorn verdient hätte.
Das Leid trifft ihn – ohne dass der Text ihm dafür die Schuld gibt. Und genau darin kann etwas Befreiendes liegen.
Nicht jedes Leid braucht eine Erklärung
Nicht jedes Leid ist eine Lektion.
Nicht jedes Leid ist Strafe.
Nicht jedes Leid hast du selbst verursacht.
Manchmal geschieht etwas, ohne dass wir darin eine verborgene Schuld oder eine spirituelle Botschaft suchen müssen.
„Ohne Grund“ kann auch ein Freispruch sein
Auf den ersten Blick klingt „ohne Grund“ erschreckend, fast willkürlich.
Aber für Hiob bedeutet dieser Satz auch:
Du bist nicht schuld.
Das ist wichtig. Denn wir Menschen suchen unglaublich schnell nach Ursachen.
Wenn jemand leidet, wollen wir wissen, warum.
Was hat er getan?
Was hätte er verhindern können?
Welche falsche Entscheidung hat dazu geführt?
Vielleicht beruhigt uns das sogar. Denn solange wir glauben, Leid müsse immer verdient oder verursacht sein, können wir uns einreden:
Wenn ich alles richtig mache, passiert mir das nicht. Doch das Leben funktioniert leider nicht so ordentlich.
Menschen werden krank.
Andere werden betrogen.
Unfälle passieren.
Naturkatastrophen treffen Menschen, die nichts dafür können.
Andere Menschen handeln ungerecht, egoistisch oder grausam.
Manchmal entsteht Leid aus einer langen Kette von Umständen, die niemand vollständig kontrolliert.
Nicht jedes Leid trägt eine geheime Botschaft.
Nicht jedes Leid ist eine Prüfung oder Strafe.
Manchmal gibt es keinen tieferen Grund.
Und genau das kann ein Freispruch sein.
Vorsicht vor einfachen Antworten auf fremdes Leid
Auch Hiobs Freunde wollen erklären, warum ihm all das geschieht.
Sie sind überzeugt:
Irgendetwas musst du getan haben.
Vielleicht kennst du solche Sätze.
„Das Universum will dir etwas zeigen.“
„Du ziehst an, was du ausstrahlst.“
„Gott korrigiert dich.“
„Du musst nur erkennen, was deine Lektion ist.“
Solche Aussagen können brutal sein. Denn plötzlich muss ein Mensch
nicht nur sein Leid tragen. Er muss zusätzlich noch die Schuld dafür tragen.
Dabei wissen Außenstehende oft überhaupt nicht, was wirklich geschehen ist.
Mitgefühl braucht nicht immer eine Erklärung. Manchmal braucht ein Mensch
einfach jemanden, der sagt:
Ich sehe, dass es weh tut. Und dann bleibt.
Bevor du das Leid eines anderen erklärst …
Du kennst vielleicht nicht die ganze Geschichte dieses Menschen.
Du kennst nicht jede Ursache.
Du weißt nicht, welche Lasten dieser Mensch bereits getragen hat.
Manchmal ist Mitgefühl ehrlicher als jede Erklärung.
Ein gutes Leben schützt uns nicht vor allem
Vielleicht kommt an dieser Stelle die Frage:
Wenn mich ein gutes Leben nicht vor Leid schützt – warum sollte ich mich dann überhaupt bemühen?
Weil die Art, wie wir leben und Beziehungen gestalten, uns trotzdem tragen kann. Zwar nicht wie ein magisches Schutzschild,
aber wie ein Netz. Menschen, zu denen wir eine gute Beziehung aufgebaut haben,
können uns auffangen. Eine klare Haltung kann uns helfen,
uns selbst nicht zu verlieren. Und wenn wir wissen, dass wir eine Situation nicht selbst verursacht haben,
müssen wir uns wenigstens nicht zusätzlich mit falscher Schuld zerbrechen.
Auch Hiob verliert fast alles.
Aber er verliert nicht vollständig sich selbst.
Nicht das Leid war das Ziel
Im Jakobusbrief wird später an Hiob erinnert:
„Vom Ausharren Hiobs habt ihr gehört und den Ausgang des Herrn gesehen, dass der Herr voll innigsten Mitgefühls und barmherzig ist.“
Jakobus 5,11
Das finde ich wichtig, denn das Leiden wird nicht verherrlicht, sondern
der Blick richtet sich auf das, was danach kommt.
Auf das Ende des Leidens.
Auf Mitgefühl.
Auf Wiederherstellung.
Hiobs Geschichte sagt nicht:
Leid ist schön.
Sie sagt auch nicht:
Du solltest dankbar dafür sein.
Aber sie lässt die Hoffnung offen, dass Leid nicht das letzte Kapitel bleiben muss.
Leid ist keine spirituelle Auszeichnung
Es gibt diesen Satz:
„Manchmal verändert Gott deine Situation nicht, weil er dein Herz verändern möchte.“
Vielleicht hilft dieser Satz manchen Menschen. Aber er kann auch sehr verletzend sein.
Denn dann bekommt Leid wieder automatisch einen Zweck.
Als müsste jeder Schmerz von Gott geschickt worden sein, damit wir endlich etwas lernen.
Doch Menschen werden durch Leid nicht automatisch besser.
Manche werden weicher.
Andere härter.
Manche wachsen daran.
Andere zerbrechen erst einmal.
Und beides ist menschlich. Auch die Vorstellung, wir bräuchten Leid,
um das Gute überhaupt schätzen zu können, überzeugt mich nicht.
Es gibt Menschen, die dankbar leben, ohne vorher durch die Hölle gegangen zu sein.
Und wenn die biblische Hoffnung einer Welt ohne Leid stimmt,
müsste eine solche Welt sonst voller undankbarer Menschen sein.
Das ergibt wenig Sinn.
Leid muss nicht schön sein,
um irgendwann vorbei zu sein.
Du musst dein Leid nicht schönreden
Paulus schreibt:
„Denn ich denke, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“
Römer 8,18
Für mich bedeutet dieser Satz nicht:
Dein Leid ist eigentlich gar nicht so schlimm.
Im Gegenteil. Leid darf schwer sein. Es darf unerträglich wirken.
Du darfst weinen. Du darfst wütend sein. Du darfst sagen:
Ich will das nicht.
Hoffnung bedeutet nicht, Schmerz kleinzureden. Hoffnung bedeutet:
Dieser Zustand muss nicht für immer bleiben.
Und wenn ich selbst Anteil an meinem Leid habe?
Natürlich gibt es Situationen, in denen unsere eigenen Entscheidungen Folgen haben.
Vielleicht haben wir jemanden verletzt.
Vielleicht haben wir Warnzeichen ignoriert.
Vielleicht haben wir etwas getan, das uns später selbst geschadet hat.
Dann darf man hinschauen.
Verantwortung übernehmen.
Etwas verändern.
Sich entschuldigen.
Beim nächsten Mal anders handeln.
Aber Einsicht ist etwas anderes als Selbstverdammung.
Du musst dich nicht für immer bestrafen, nur weil du einmal falsch entschieden hast.
Ein Fehler muss nicht zu deiner Identität werden.
Selbstverantwortung ohne Selbstverdammung
Fehler dürfen Konsequenzen haben.
Aber sie dürfen auch zu Einsicht führen.
Du darfst lernen, ohne dich dafür für immer zu verurteilen.
Ist Gott auf meiner Seite, wenn er mein Leid nicht verhindert?
Vielleicht ist das eine der schwersten Fragen überhaupt. Denn oft werden uns nur zwei Extreme angeboten.
Entweder Gott ist der strafende Richter, der Leid schickt.
Oder der Glaube wird so weichgezeichnet, dass man fast das Gefühl bekommt,
echtes Vertrauen müsse jeden Schmerz in Frieden verwandeln.
Hiob passt in keines dieser Bilder.
Er leidet.
Er klagt.
Er versteht nicht.
Er widerspricht.
Und trotzdem wird er nicht dafür verurteilt, dass er sein Leid nicht schön findet.
Ganz im Gegenteil:
Am Ende weist Gott sogar Hiobs Freunde zurecht, weil sie falsch über ihn gesprochen haben.
„Denn ihr habt über mich nicht Wahres geredet wie mein Knecht Hiob.“
Hiob 42,7
Gott muss nicht hinter jedem Schmerz stehen
Ich glaube nicht, dass wir jedes Unglück direkt Gott zuschreiben sollten.
Diese Welt ist voller Freiheit, Zufall, menschlicher Entscheidungen, körperlicher Grenzen
und unkontrollierbarer Ereignisse.
Leid existiert. Aber daraus folgt nicht automatisch:
Gott hat es geschickt.
Und genauso wenig bedeutet Gottes Nähe, dass sich jede Situation sofort verändert.
Manchmal erscheint Hilfe durch Menschen.
Durch jemanden, der bleibt.
Durch eine Hand.
Durch einen Satz.
Durch dieses leise innere Gefühl:
Noch nicht aufgeben.
Akzeptieren heißt nicht gutheißen
Hiob sagt:
„Das Gute nehmen wir von Gott an, da sollten wir das Böse nicht auch annehmen?“
Hiob 2,10
Diesen Satz würde ich nicht als Aufforderung verstehen, Leid schönzufinden.
Akzeptanz bedeutet etwas anderes.
Sie bedeutet:
Das ist gerade meine Realität.
Ich muss sie nicht lieben.
Ich muss sie nicht gerecht finden.
Ich muss keinen höheren Sinn darin entdecken.
Aber ich kann aufhören, gegen die Tatsache anzukämpfen, dass sie im Moment existiert.
Und genau daraus kann irgendwann wieder Bewegung entstehen.
Mein Fazit

Nicht jedes Leid hat einen höheren Grund. Nicht jedes Leid ist eine Lektion.
Nicht jedes Leid ist Strafe. Und nicht jedes Leid ist Eigenverschulden.
Manchmal geschieht etwas einfach, weil diese Welt zerbrechlich ist.
Vielleicht ist genau das eine der schwierigsten Wahrheiten.
Aber auch eine befreiende.
Denn dann musst du nicht zusätzlich zu deinem Schmerz auch noch die Frage tragen:
„Was habe ich falsch gemacht?“
Vielleicht lautet die wichtigere Frage irgendwann:
„Was brauche ich jetzt?“
Ruhe?
Menschen um mich herum?
Hilfe?
Abstand?
Zeit?
Hoffnung?
Du musst dein Leiden nicht romantisieren. Du musst es nicht als Geschenk betrachten.
Und du musst darin keine geheime Lektion finden.
Vielleicht reicht für heute eine einzige Hoffnung:
Dieser Moment ist nicht die ganze Geschichte.
Du musst dein Leid nicht verstehen,
damit du irgendwann wieder leben kannst.